Zuerst: Lohnt sich die Ausschlagung überhaupt?
Ausgeschlagen wird alles oder nichts — auch das Elternhaus, auch das Sparbuch. Deshalb vor der Entscheidung schnell Klarheit schaffen:
- Schulden prüfen: Kontoauszüge, Mahnungen, Kreditverträge, Schufa-Hinweise in der Post; beim Grundbuchamt Abteilung III (Grundschulden) einsehen.
- Vermögen prüfen: Konten, Immobilie (grober Marktwert), Lebensversicherungen mit Bezugsrecht (die laufen oft am Nachlass vorbei).
- Faustregel: Klar überschuldet → ausschlagen. Klar werthaltig → annehmen. Unklar → anwaltlich beraten lassen, notfalls annehmen und Haftung per Nachlassverwaltung begrenzen — die Ausschlagung ist praktisch endgültig.
Ein Punkt nimmt den Zeitdruck aus der Recherche: Solange Sie nicht angenommen haben, kann kein Nachlassgläubiger gerichtlich gegen Sie vorgehen (§ 1958 BGB). Die sechs Wochen sind also zum Prüfen da, nicht zum Abwehren. Auf einen Mahnbescheid müssen Sie trotzdem fristgerecht reagieren — sonst wird er unabhängig davon vollstreckbar.
Nicht jede Ausschlagung hat mit Schulden zu tun. Es gibt einen Fall, in dem ein werthaltiges Erbe ausgeschlagen wird, und zwar gezielt: Wer als überlebender Ehepartner an ein gemeinschaftliches Testament gebunden ist, kann sich von dieser Bindung nur lösen, indem er das ihm Zugewendete ausschlägt. Er verzichtet dann auf das Erbe des Partners, behält seinen gesetzlichen Erbteil beziehungsweise Pflichtteil — und ist für sein eigenes Vermögen wieder frei. Das rechnet sich, wenn das eigene Vermögen groß und das Zugewendete klein ist, etwa wenn die Schlusserbenregelung nach Jahrzehnten nicht mehr zur Familie passt. Auch hier läuft die Uhr der Ausschlagungsfrist; wer sie verstreichen lässt, hat angenommen und ist gebunden. Was bindend wird und was nicht: Berliner Testament.
So schlagen Sie aus — Schritt für Schritt
- Frist notieren: 6 Wochen ab Kenntnis (Auslandsfälle: 6 Monate). Die Uhr läuft ab dem Tag, an dem Sie von Todesfall und Ihrer Erbenstellung wissen. Sind Sie durch Testament oder Erbvertrag berufen, frühestens ab der Bekanntgabe der Verfügung durch das Nachlassgericht — nicht schon ab dem Eröffnungstermin.
- Weg wählen: persönlich beim Nachlassgericht (Amtsgericht am letzten Wohnsitz der verstorbenen Person — oder an Ihrem eigenen gewöhnlichen Aufenthalt, § 344 Abs. 7 FamFG; das gilt auch für eine Anfechtung) zu Protokoll erklären — oder öffentlich beglaubigen lassen, in der Praxis beim Notar, und ans Nachlassgericht senden. Eingang bei Gericht zählt für die Frist, nicht der Poststempel.
- Mitbringen: Personalausweis, Sterbeurkunde (falls vorhanden), Angaben zum Verwandtschaftsverhältnis.
- Ohne Bedingung erklären: Annahme und Ausschlagung vertragen keine Bedingung und keine Zeitbestimmung (§ 1947 BGB). Eine Erklärung „unter Vorbehalt" oder „für den Fall, dass …" ist unwirksam — und die Frist läuft weiter.
- Familie durchdenken: Nach Ihnen rücken Ihre Kinder nach — für Minderjährige schlagen die Sorgeberechtigten mit aus (die 6-Wochen-Frist der Kinder beginnt erst mit dem Anfall, also mit Ihrer Ausschlagung). Wer der Reihe nach folgt, zeigt der Erbquoten-Rechner.
Minderjährige Kinder: der Punkt, an dem die meisten falsch liegen
Schlagen Eltern aus, fällt das überschuldete Erbe ihren Kindern an — auch den minderjährigen. Über Jahre galt: Dafür braucht es die Genehmigung des Familiengerichts, und das dauert. Viele Ratgeber schreiben das bis heute so. Seit dem 1. Januar 2023 stimmt es im Regelfall nicht mehr.
§ 1643 Abs. 3 Satz 1 BGB: Tritt der Anfall einer Erbschaft an das Kind erst infolge der Ausschlagung eines Elternteils ein, ist die Genehmigung nur dann erforderlich, wenn der Elternteil neben dem Kind berufen war.
Der klassische Kettenfall ist damit genehmigungsfrei: Der Großvater stirbt überschuldet, der Vater schlägt aus, dadurch rückt der Enkel nach. Der Vater war vor dem Kind berufen, nicht neben ihm — die Sorgeberechtigten können für das Kind direkt beim Nachlassgericht ausschlagen. Genehmigungspflichtig bleibt es, wenn Elternteil und Kind nebeneinander berufen waren, etwa weil ein Testament beide zu Erben eingesetzt hat.
Das ist keine Formalie: Wer auf eine Genehmigung wartet, die er nicht braucht, verliert Wochen — und die Frist des Kindes läuft.
Und wenn für ein Kind doch nichts erklärt wurde? Dann ist die Lage weniger schlimm als sie aussieht. Die Haftung für Verbindlichkeiten aus einem während der Minderjährigkeit erfolgten Erwerb von Todes wegen beschränkt sich auf das Vermögen, das bei Eintritt der Volljährigkeit vorhanden ist (§ 1629a Abs. 1 BGB). Niemand startet mit 18 mit den Schulden des Großvaters ins Leben. Eine Frist hängt daran: Wer als volljährig Gewordener Mitglied einer Erbengemeinschaft ist, sollte binnen drei Monaten nach dem 18. Geburtstag die Auseinandersetzung verlangen — sonst greift die gesetzliche Vermutung gegen ihn (§ 1629a Abs. 4).
Vier Sonderfälle, die in der Standardberatung untergehen
- Testament und gesetzliche Erbfolge: Wer im Testament steht und auch ohne das Testament gesetzlicher Erbe wäre, kann die Erbschaft als eingesetzter Erbe ausschlagen und als gesetzlicher Erbe annehmen (§ 1948 Abs. 1 BGB); Entsprechendes gilt bei Testament und Erbvertrag (Abs. 2). Der Hebel, wenn das Testament eine lästige Beschwerung enthält, der gesetzliche Erbteil aber sauber ist. Die Falle dazu: Im Zweifel erstreckt sich eine Ausschlagung auf alle Berufungsgründe, die Ihnen bekannt sind (§ 1949 Abs. 2) — der eingeschränkte Wille muss ausdrücklich in der Erklärung stehen.
- Der Erbe stirbt, bevor er entschieden hat: Das Ausschlagungsrecht ist vererblich (§ 1952 Abs. 1 BGB). Seine Erben können also noch für ihn ausschlagen — und die Frist endet nicht vor Ablauf der Ausschlagungsfrist für seine eigene Erbschaft (Abs. 2). Zwei Todesfälle kurz hintereinander sind damit kein automatischer Fristverlust.
- Mehrere Erbteile aus verschiedenen Gründen: Wer zu mehreren Erbteilen berufen ist, kann den einen annehmen und den anderen ausschlagen — aber nur, wenn die Berufung auf verschiedenen Gründen beruht (§ 1951 Abs. 1, 2 BGB).
- Ehepartner im gesetzlichen Güterstand: § 1371 Abs. 3 BGB erlaubt nach der Ausschlagung den Zugewinnausgleich plus Pflichtteil. Das ist die güterrechtliche Lösung — und sie lohnt nur, wenn der Zugewinn hoch war. Denn der Pflichtteil bemisst sich dann nach dem nicht erhöhten gesetzlichen Erbteil (§ 1371 Abs. 2), ist also kleiner als der pauschale Weg über das zusätzliche Viertel. Wer keinen nennenswerten Zugewinn ausgleichen kann, steht nach der Ausschlagung schlechter da. Und: Der Weg ist versperrt, wenn auf gesetzliches Erbrecht oder Pflichtteil vertraglich verzichtet wurde (§ 1371 Abs. 3 Halbsatz 2).
Was die Ausschlagung kostet
Mindestens 30 € — eine 0,5-Gebühr, mindestens aber 30 € (KV 21201 Nr. 7 GNotKG). Geschäftswert ist der Nachlass nach Abzug der Verbindlichkeiten (§ 103 Abs. 1 GNotKG), beim überschuldeten Nachlass bleibt es deshalb beim Mindestbetrag. Ist der Nachlass werthaltig, wird die Gebühr wertabhängig berechnet; für die Beglaubigung beim Notar kommen dessen Kosten hinzu. Wichtig: Die Gebühr fällt pro ausschlagender Person an — wenn eine fünfköpfige Familie der Reihe nach ausschlägt, sind es fünfmal mindestens 30 €. Verglichen mit dem Risiko, für fremde Schulden zu haften, ist das in Überschuldungsfällen gut angelegtes Geld.
Nach der Ausschlagung
Sie gelten, als wären Sie nie Erbe gewesen (§ 1953 Abs. 1 BGB) — keine Haftung, aber auch kein Anspruch auf einzelne Stücke. Die Erbschaft fällt dem an, der berufen wäre, wenn Sie zur Zeit des Erbfalls nicht gelebt hätten, und zwar rückwirkend auf den Erbfall (§ 1953 Abs. 2). Das Nachlassgericht soll die Ausschlagung dem neuen Erben mitteilen (§ 1953 Abs. 3) — eine Soll-Vorschrift. Verlassen Sie sich in der Familie nicht darauf: Informieren Sie die Nachrückenden selbst, deren eigene sechs Wochen laufen ab ihrer Kenntnis.
Schlagen alle aus, erbt am Ende der Staat — das Land des letzten Wohnsitzes (§ 1936 BGB). Dort endet die Kette zwingend: Der Fiskus kann die ihm als gesetzlichem Erben angefallene Erbschaft nicht ausschlagen (§ 1942 Abs. 2 BGB), er haftet aber nur mit dem Nachlass. Übrigens: Die 3-Monats-Anzeige beim Finanzamt betrifft nur Erben, die annehmen.
Häufige Fragen
Wie lange habe ich Zeit, ein Erbe auszuschlagen?
Wie schlage ich das Erbe formal aus?
Was kostet die Ausschlagung?
Wer erbt, wenn ich ausschlage?
Kann ich nur die Schulden ausschlagen und den Rest behalten?
Kann ich die Ausschlagung rückgängig machen?
Ich habe die 6 Wochen verpasst — ist alles verloren?
Ein Gläubiger meldet sich, während ich noch überlege — muss ich zahlen?
Verliere ich durch die Ausschlagung meinen Pflichtteil?
- Rechtsgrundlage: §§ 1944, 1945, 1948, 1953, 1954, 1956, 2306 BGB, § 1643 BGB — alle Beträge und Quoten für 2026 gegen den Gesetzestext geprüft
- § 1944 BGB im Wortlaut
- § 1945 BGB im Wortlaut
- § 1643 BGB im Wortlaut
- § 1956 BGB im Wortlaut
- § 2306 BGB im Wortlaut
- Bürgerliches Gesetzbuch — Erbrecht im Wortlaut (gesetze-im-internet.de)
- Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz im Wortlaut